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Meine news sind echt!

Und wenn ich lange nichts von mir hören lasse, bedeutet das nur, dass es mir gerade angesichts der jüngsten politischen Ereignisse die Sprache verschlagen hat und ich überhaupt nicht weiß, wo ich anfangen soll, alle meine Gedanken aufzuschreiben. Aber ich muss endlich raus damit, hier, heute und jetzt. Schweigen hilft uns allen nicht weiter und es ist nun mal mein Job als Autorin, die richtige Sprache zu finden.

Eigentlich wollte ich etwas Schlaues über Fake News schreiben und die Frage, woran man erkennt, wann es sich um Wahrheit handelt und wann nicht, und bei diesem Vorhaben lande ich wieder einmal bei der Literatur.

Wir Autoren erfinden ja ständig Geschichten, wir leben von der Fiktion und fühlen uns geehrt, wenn unsere Leser so tief in die Story eintauchen, dass sie sie „echt“ finden, mitfiebern, empört sind oder traurig, uns wütende Briefe schreiben, weil sich die Hauptfigur ihrer Meinung nach in den falschen Typ verliebt hat oder dem Held so übel mitgespielt wird, dass alle Mitleid mit ihm haben. Genau das ist das Spiel mit Realität und Fiktion!

Als mit der Entwicklung der Schriftsprache im späten Mittelalter die ersten Romane entstanden, mussten die Leser auch erst lernen, dass die darin aufgeschriebenen Geschichten nicht wahr sind, sondern reine Erfindung, höchstens Abbild einer Realität. Berühmtes und viel zitiertes Beispiel ist Cervantes’ „Don Quijote“ und sein Kampf mit den Windmühlen, die er für die feindlichen Ritter aus seinem Buch hält … Damals war Lesen eine neue Kulturerfahrung, die sich erst angeeignet werden musste, um den Unterschied zwischen Realität und Fiktion zu erfahren, zwischen wahr und unwahr. So wie auch Leseanfänger sich das literarische Lesen aneignen müssen, nicht nur das einfache Decodieren der Buchstaben, sondern auch das Hinterfragen und Annehmen von Inhalten, Meinungen und Provokationen, offenen Enden.

Trotzdem oder gerade geht es beim Lesen ja immer um Wahrheitsfindung, nämlich um ganz persönliche Gefühle und Interpretationen, um viele kleine Wahrheiten, für den Moment im Hier und Jetzt. Nur der Leser kann den Text zum Leben erwecken, durch seine Lektüre ihm Sinn verleihen. Ohne Leser gibt es keinen Text und auch keine Wahrheit.

Manchmal sind diese Erkenntnisse universell, manchmal individuell, je nach Komplexität der Vorlage, je nach dem, wie viele Identifikationsmöglichkeiten und Inhaltsebenen angeboten werden, je nach dem, wie vielschichtig der Text Themen und Motive verhandelt. In Bezug auf die Interpretation von Romanen, Gedichten und Texten gibt es da zum Glück keine allgemeingültigen Vorgaben. Und erst recht keine Deutungshoheit, kein richtig oder falsch.

Ich halte Lesen für eine demokratische Erfahrung! Sollte sie zumindest sein, auch wenn Generationen von Deutschlehrern bis zum heutigen Tage Schülern meist nur eine Interpretationsmöglichkeit nahe bringen, also in richtig und falsch, wahr und unwahr unterscheiden und das auch noch benoten. Viele Meinungen müssen nebeneinander bestehen können und vielleicht reift dann die Erkenntnis für einen mehrheitlichen Konsens.

Und wenn Kinder mit eindimensionalen, leicht gestrickten Texten beglückt werden, mag das zwar Spaß bringen und Leseförderung sein, bestätigt sie aber nur in dem, was sowieso schon ist und bringt sie nicht weiter. Lesen regt – Kinder wie Erwachsene – zum Träumen an. Aber auch zum Nachdenken und Reflektieren, zum Widerspruch, zum Fragen stellen. Denn Literatur ist ein Spiel der Fiktion und dient vor allem der Meinungsbildung, wenn sie vielschichtig und provokant ist. Und genau damit ist sie ein großartiges Übungsfeld für uns alle.