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Ohnepunktundkomma – Schreibwettbewerb vom Hessischen Literaturforum im Mousonturm 2016

Ich hatte die Ehre, die Laudatio für die diesjährigen Gewinnerinnen und Gewinner des OPUK-Schreibwettbewerbs zu halten – stellvertretend für meine Jury-Kolleginnen und Kollegen Nadja Einzmann, Antje Herden, Thomas Pauly, Pete Smith und Sabine Stemmler, mit denen die Zusammenarbeit wie immer ein großes Vergnügen war. Dies ist ein Auszug meiner Rede.

Aber bevor Sie in den Text eintauchen, möchte ich Sie zu einem Gedanken-Experiment einladen und Sie bitten, sich eine rote Linie vorzustellen. Geben Sie diesem Rot ein bestimmtes Rot. Ist es Grellrot oder Dunkelrot? Vielleicht Rosa? Leuchtend Rot, Violett?

Und: wie stark ist diese Linie? Dünn, dick, mittel? Vielleicht gestrichelt? Oder ist sie womöglich geringelt? Gerade oder krumm … Jetzt aber kommt die alles entscheidende Frage: WIE verläuft die Linie? Ist sie horizontal, also: waagrecht? Vertikal, also senkrecht? Oder steht sie gar Diagonal im Raum?

Rote Linien begegnen mir gerade überall und als Büchermensch habe ich mich gefragt, was es damit auf sich hat. Den Ausdruck „Eine rote Linie überschreiten“ kannte ich bisher nicht; ein Blick in den Duden hat mir auch erklärt, warum ich ihn nicht kannte: „to cross the redline“ ist eine Redewendung aus dem angloamerikanischen Raum und bezeichnete dort im Ursprung die Grenze eines Versicherungsbereiches – und hierzulande bekannt geworden, als Obama 2012 Assad mit nicht näher beschriebenen Konsequenzen drohte, falls er die ‘rote Linie’ überschreite und chemische Waffen einsetze.”

Seit dem kursiert die „rote Linie“ immer wieder in Zeitungsartikeln im politischen Kontext:

„Wenn die Türkei die Wiedereinführung der Todesstrafe beschließt, ist sicher eine rote Linie überschritten“, sagte Volker Kauder im August dieses Jahres.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz sieht in der jüngsten Welle von Festnahmen einen neuen Schlag gegen die Pressefreiheit in der Türkei und damit eine weitere rote Linie überschritten, woraufhin der türkische Premierminister Binali Yildirim meinte, diese Linie sei der Türkei egal.

Im politischen Kontext zeigt sich die rote Linien als eine Grenze, die nicht überschritten werden darf, eben in Bezug auf Gesetze, Regeln oder Absprachen. Und sie verläuft, ganz klar, horizontal. Bis hierhin und nicht weiter.

Interessanterweise scheint sich diese rote Linie immer wieder verschieben zu lassen, anders als ein Tempolimit oder ein Gesetz ist sie verhandelbar und auf Worte folgen keine Taten, Stichwort Assad, Erdogan – oder, um die rote Linie aus dem politischen in den privaten Bereich zu holen, wenn die Eltern doch immer wieder mit sich verhandeln und breitschlagen lassen.

Die Erfahrung werden die meisten von euch bestätigen können, es sind diese berühmten Wenn-Dann-Sätze der Eltern, mit denen man als Kind zu jonglieren lernt und genau weiß: Diese rote Linie lässt sich bequem verschieben, die Grenze ist immer wieder neu verhandelbar. Aber im Ernstfall wirkt sie in diesem Kontext dann doch wie ein Deckel, tatsächlich ist sie eine Grenze und zeigt eine Endlichkeit der Dinge, Ende der Diskussion. Schluss, Aus, Ende. Stopp. Die rote Linie ist eindeutig.

Ich überspringe aus Zeitgründen meine Gedankenbilder zur Farbe Rot, (rote Ampel, rote Karte, Verbotsschilder, Lehrer-Anmerkungen …), Rot ist ganz klar mit Verbot besetzt, mit Warnung. Rot ist aber auch die  Farbe der Liebe und der Leidenschaft und für mich die Farbe der Literatur.

Die rote Linie als Obergrenze kennen wir Büchermenschen nicht, bei uns ist es der rote Faden, um den sich alles dreht, auch dieser Text, Sie haben es natürlich längst bemerkt.

Der rote Faden zieht sich im Unterschied zu der roten Linie innerhalb einer Geschichte unendlich hindurch, wir lesen in der Regel zwar von Anfang bis Ende, also linear, fangen auf der ersten Buchseite an und hören auf der letzten auf. Aber bei genauem Hinsehen gibt es für diesen roten Faden keine Grenze. Denn wenn wir das Buch zuschlagen, wirkt die Geschichte nach, läuft der rote Faden einfach in uns weiter. Und wenn wir wieder von vorne anfangen zu lesen, lesen wir den Text wieder neu, geben ihm die Wahrheit dieses einen Momentes, bei jeder Lektüre wieder und wieder.

Hinzu kommt: der rote Faden eines Textes kann eine Schlangenlinie sein, verknotet, zerfranst, verwirrt, aber er entwickelt sich immer weiter. Egal wie, sich einen roten Faden auszudenken, anhand einer tollen Idee, einer Aussage oder einer unerhörten Begebenheit eine Geschichte zu entwickeln und zu schreiben, erfordert kreative Gedanken, Freude am fabulieren und erzählen – und zwar so, dass der Leser Lust hat, die Spur dieses Fadens aufzunehmen, die rhetorischen Knoten zu entwirren, Spaß daran hat, die Kreise dieser Schlangenlinie auszukosten und ihr zu folgen.

Die heute ausgezeichneten Jungautorinnen und -autoren haben diesbezüglich eine erstaunliche Fingerfertigkeit und großes Talent gezeigt, mit Worten zu arbeiten, die Geschichte weiter zu entwickeln, rote Fäden zu spinnen, mal laut, mal leise, verwirrend, verstrickend, aber immer spannend und lesenswert.

Was passiert aber, wenn roter Faden und rote Linie zusammentreffen, habe ich mich gefragt und meine Überlegungen hierzu möchte ich mit Ihnen teilen, ich brauche noch eine Schleife zum Abschluss.

Die rote Linie eines Textes bestimmt nämlich nicht etwa seine Endlichkeit, dann wäre sie ja vertikal und würde das lineare Erzählen begrenzen … Die rote Linie eines Textes zeigt sich für mich viel mehr in dem Thema, das dieser Text aufgreift und erzählt. Im literarischen Kontext steht die rote Linie also ÜBER dem Text, und auch hier lässt sie sich verschieben und ist verhandelbar, auch hier lässt sich über Grenzen und Tabus diskutieren.

Die heute ausgezeichneten Texte zeigen für mich in diesem Sinne viele rote Linien. Sie erzählen nicht nur von vermeintlichen Tabuthemen wie Homosexualität, Selbstmord und Ausländerfeindlichkeit oder spielen mit traditionellen Märchenelementen. Diese Texte sprengen erzählerische Rahmen, gehen auch sprachlich immer wieder über Grenzen, experimentieren mit Reimen oder verschriftlichen Umgangssprache beinahe bis ins Unerträgliche, jeder Deutschlehrer hätte hier längst den Rotstift angesetzt. Die Geschichten zeigen sich frech und unversöhnlich, so unversöhnlich und grandios, wie man es wohl nur zwischen 12 und 16 sein kann, es vorher nicht war und sich später nie wieder traut. Nur in diesem Alter erzählt man Geschichten, in denen Hilflose einfach auf dem Boden liegen bleiben, nur dann nimmt man sich zwei statt bescheiden einen Apfel. Aber nur dann ist das Spiel mit der roten Linie auch wohlwollend erlaubt.

Ich wünsche mir und euch und uns allen, dass ihr eure persönlichen Grenzen austesten könnt. Dass ihr weiterhin Tabus thematisiert und rote Fäden betörend und verwirrend durch eure Texte laufen –  Sprache, Gedanken und Literatur sind grenzenlos und frei und beugen sich keiner Diktatur.

Ich wünsche mir und euch und uns allen aber auch, dass Gesetze und Regeln, auf die sich eine demokratische Gesellschaft geeinigt hat, eingehalten werden. Denn sie sind nicht verhandelbar.

Die zahlreichen Einsendungen und die teilweise doch sehr herausfordernden Texte haben es der Jury diesmal schwer gemacht, sich auf eine Linie zu einigen. Aber wir haben sie gefunden. Herzlichen Glückwunsch!

20. November 2016