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Autorenlesung

Welche Rolle spielt der Autor eines Textes? Das ist eine spannende wie provozierende Frage, zu der es wie immer viele Antworten gibt.

„Die Autorenlesung ist ein altmodischer, fast archaischer Ritus, der das Erzählen wieder an seinen Anfang in der Gemeinschaft zurückführt“ schreibt Michael Wolf am Ende seines Artikels in der Literarischen Welt/N24 vom 13.09.16 und ich denke: Stimmt, da hat er recht!

Denn: Welche Rolle spielt der Autor eines Textes? Viele haben sich über den Artikel von Michael Wolf echauffiert, weil er die Autorenlesung per se kritisiert habe, denn es gibt ja zahlreiche Autorinnen und Autoren, die sehr gerne, aus tiefer Überzeugung und mit Herzblut auf der Bühne stehen und aus ihren Texten lesen – vor allem wir Kinder- und Jugendbuchautoren verstehen uns als begeisterte Vor-Leser, die ihr Publikum nach allen Regeln der Kunst mitreißen und zum Weiterlesen motivieren wollen. (Mal abgesehen davon, dass viele Kollegen damit auch maßgeblich ihren Lebensunterhalt verdienen.)

Durch unsere Bühnenpräsenz lösen wir natürlich die Distanz zu unseren Geschichten auf, wir SIND in solch einem Moment Autor und Erzähler zugleich, treten nicht als Person hinter den Text zurück – genau deswegen werden wir von unserem Publikum geliebt, weil wir echt sind, live und in Farbe greifbar sind, weil man uns alle möglichen Fragen stellen kann, vom Lieblingstier bis zum Lieblingsbuch. Kinder sind ehrlich und lassen sich nicht einfach abspeisen, sie sind ein forderndes Publikum mit ganz eigenen Interessen und Bedürfnissen – und lassen einen sofort spüren, ob sie von der Geschichte und dem Auftritt gefesselt sind oder nicht. Und: Kinder als Literatur- und Lebensanfänger mögen geordnete Strukturen, eindeutige Aussagen und eine klare Ordnung der Dinge, an denen sie sich zunächst orientieren können, um sich Wahrheiten anzueignen und um sich in ihrer Welt zurecht zu finden. (Das heißt aber noch lange nicht, dass sie mit blaurosa-Kitschgeschichten zugelullt werden müssen).
Denn genau das ist die archaische Form des Erzählens, des Vorlesens, des Verschmelzens von Autor und Erzähler in einer Person: EINER liest und sagt was Sache ist. Wie einfach ist das denn! Und wie entlastend.

Tatsächlich sind die (Post-)Modernen Erzählstrukturen längst weiter, der Autor hinter seinem Text unsichtbar und der Leser derjenige, der dem Text seine Wahrheit, seinen Sinn verleiht, ob er will oder nicht. Das ist schon viel komplizierter. Weil jeder Leser sich Gedanken machen und sich selbst eine Meinung bilden muss.
„Wen kümmert’s wer spricht“, hat Samuel Beckett in diesem Zusammenhang einmal gefragt, aufgegriffen hat das Michel Foucault in seinem Aufsatz: Qu’est-ce qu’un auteur?, in dem er dann die Präsenz des Autors als die Sehnsucht der Menschen nach Ordnung der Dinge definiert: Ob als Staat, Produkt oder Marken, alles braucht eine Hierarchie, einen Namen, eine Definition, eine Zuordnung und Bestimmung, als ob dahinter eine Sehnsucht nach Autorität stecken würde.
Kinder scheinen das zu brauchen – und viele Erwachsene ebenfalls. In der Gesellschaft, aber auch bei Lesungen, wenn sie ihren Lieblingsautoren live und in Farbe begegnen und ihnen Löcher in den Bauch fragen dürfen.

Und wie gehe ich als AUTORIN damit um? Na, ich fühle mich aufgefordert, bei meinen Lesungen einerseits meine Geschichten mit Leben zu füllen und „sichere“ Strukturen zu vermitteln, andererseits aber jede Menge Fragen zu stellen und Denkanstöße zu liefern, die meine Zuhörerschaft kitzeln und provozieren soll. Und als Widmung schreibe ich:
Glaube nie, was ein Autor schreibt, denn seine Geschichten könnten erfunden sein.