ChickLit_520x220_02

Eine Frage, die mich schon seit langem beschäftigt: Was ist ChickLit?

Immer wieder werde ich mit diesem Begriff konfrontiert. Höchste Zeit also, endlich einer Definition nachzugehen.

Erster Schritt: Bei Wikipedia gucken (mein Gero von Wilperts Sachwörterbuch der Literatur ist aus dem letzten Jahrtausend). Dort steht ganz lapidar: ChickLit ist Tussi-Literatur oder sinngemäß „anspruchslose Frauenliteratur“. Denn „Chick“ kommt aus dem Englischen, bedeutet im Ursprung Küken, wird im anglo-amerikanischen Raum umgangssprachlich aber für junge Frauen im Sinne von Tussi verwendet. Mit anderen Worten: Es sind Bücher, die Jungs nie in die Hände nehmen würden.

Googele und forsche ich weiter, stoße ich auf viele spannende Artikel zum Thema, entdecke einen Frauenbuchladen, der ChickLit heißt, ein Forschungsprojekt an der Uni Saarland und sogar einen Artikel, der sich mit den postfeministischen Aspekten von ChickLit auseinandersetzt. Im Bezug auf Mädchenbücher bzw. ChickLit finde ich keine aktuellen Hinweise. Für alle, die selbst suchen möchten, hier die Links, auch als Referenz für diesen Beitrag.

www.buecher-wiki.de
www.magazin.happy-end-buecher.de
www.chicklit.at
www.spiegel.de
www.uni-saarland.de
www.amazon.de

Ich fasse erstens im Folgenden die Bedeutung von ChickLit zusammen und beziehe ihn zweitens auf Mädchenbücher.

 

1. Bedeutung von ChickLit

In der Regel wird ChickLit von Frauen für Frauen und in Serie geschrieben, in deren Mittelpunkt die weibliche Heldin auf der komplizierten Suche nach dem großen Glück steht. (Als Genrestiftend gilt Bridget Jones, „Schokolade zum Frühstück“). Eigentlich geht es in diesen Büchern immer um die Suche nach der großen Liebe und Mr Right, hetero, monogam und bis an das Lebensende. Je nach Autorin und Idee gibt es mehr oder weniger turbulente bis komische Verwicklungen rund um Männer, Shoppen (Schuhe auf dem Cover!!!), Mode, Liebe, Sex, Klatsch und Tratsch. Kurzum: Es geht um Alltagsgeschichten. Das Leben als solches muss nicht noch erobert werden wie im klassischen Bildungs- oder Adoleszenzroman, sondern „nur noch“ gemeistert, es geht um das Gelingen der Biografie nach einem bestimmten (Weiblichkeits-)Schema.

Meistens steht die weibliche (und selbstbewusste) Heldin mit beiden Beinen fest auf dem Boden, gilt als emanzipiert, hat weder existenzielle noch psychische Probleme und verhält sich ziemlich brav und traditionell (während ihre beste Freundin eine ganze Wilde ist!). Mit viel Witz, Humor und Ironie besteht die Protagonistin dann alltägliche Situationen, mit denen sich viele Frauen sofort identifizieren können. Dies geschieht aber nie in der Absicht, jene Situationen im Kern zu ändern. Eine Auseinandersetzung mit dem aktuellen Gesellschaftsbild findet nicht ernsthaft statt – und damit ist ChickLit affirmativ. D.h., dieses Genre bricht weder Geschlechterrollen noch entwickelt es ein progressives Frauenbild, sondern bestätigt Vorurteile und Klischees rund um unsere bestehende Gesellschaftsordnung.

Entsprechend kennt ChickLit nur HappyEnds mit einem gehörigen Schuss Romantik, die bestehende Einordnung in Gut und Böse wird niemals gebrochen. Ziel ist die Liebesheirat: Monogam, heterosexuell und bis an das Lebensende …

 

2. ChickLit und Mädchenbücher

Bezieht man diese Definition auf aktuelle Mädchenbücher, lässt sich feststellen: Hier geht es m.E. um genau die gleichen Themen: Jungs, Klatsch und Tratsch, Mode, Liebe, die große Sehnsucht nach Mr Right und der romantische Kuss am Schluss. Einzig mit Sex hält sich das Genre (nicht zuletzt altersbedingt) zurück, es gelten konservative Werte. Wobei in diesen Büchern das Erste Mal stets vom Freundinnentribunal abgesegnet werden muss und Vorurteile gegen freizügige, sexuell selbstbestimmte Mädchen (Klischee: Schlampe) an der Tagesordnung sind.

Zwar darf es in manchen Büchern in jüngster Zeit etwas prickelnder zugehen, die wertkonservative Haltung und der männliche Blick auf die weibliche Scham begegnen einem jedoch im Jahr 2014 in Mädchenbüchern ungebrochen. (Als Beispiel nenne ich hier „Berührt“ von Robin Lyall, Arena 2014, der Titel verspricht Sinnlichkeit, in Wahrheit lese ich in diesem Buch nur lustfreie Darstellungen bzw. Erlebnisse von weiblicher Sexualität. Die Protagonistin Rachel fühlt sich ständig schuldig, unwohl, verboten, verrucht, wenn sie sexuell erregt ist … der Gipfel ist die Szene mit dem nassen Höschen und ich habe an dieser Stelle ernsthaft überlegt, ob das wohl ein Mann geschrieben hat?!. Und: Auch Rachel wartet erst auf den RICHTIGEN, mit dem sie erst Liebe und dann Sex haben darf.)

Solange die Mädels ständig von dieser Unterwürfigkeit lesen und darin bestätigt werden (remember: Affirmation), muss man sich nicht wundern, wenn sie anderswo auch klein beigeben, ich fürchte, da haben wir noch einen langen Weg vor uns. Schade, dass in den Verlagen das Thema Weiblichkeit so wenig feministisch besetzt ist! Ausgerichtet auf den männlichen Blick, dreht sich alles um den eigenen Körper, ums Gefallen, nicht um das eigene Sein und Wirken … kein Wunder, wenn dann die Abhängigkeiten so groß sind, sich die Mädchen von heute später als Frau nicht durchsetzen und verzweifelt sind, wenn sie wieder mal das Opfer werden … sie haben es ja nicht anders gelernt, solche Bücher bestätigen sie im Gegenteil darin, dass es normal ist, Objekt zu sein. Über 40 Jahre neue Frauenbewegung ist offensichtlich viel zu kurz …

Ähnliches lässt sich bezüglich weiterer Rollenklischees feststellen. Zum Beispiel begegnen einem arbeitende und selbstbestimmte Mütter als Vorbilder in diesem Genre höchst selten, dafür wimmelt es von Zicken. Man könnte meinen, Mädchen und Frauen seien stolz auf diesen Titel, bezeichnen sie sich oft selbst als solche und zementieren das Vorurteil, sie seien eben so. Blättert man im Duden den Begriff „Zicke“ nach, so steht da „ugs. für überspannt, launisch, eigensinnig sein“, „Zickenalarm“ bedeutet abwertend gemeint Streit zwischen Frauen.

Eigensinn ist ja erst mal nichts negatives, aber wer gilt schon gerne als launisch und überspannt? Wenn der Begriff „Zicke“ so negativ besetzt ist, warum begegnen wir ihm dann allerorten? Warum dulden wir ihn? Und noch schlimmer: Warum wird Zickentum im Mädchenbuch dermaßen stilisiert und idealisiert?

Meiner Ansicht nach offenbart die Aussage „Ich bin eben ’ne Zicke“ die innere Zerrissenheit von Mädchen/Frauen: Einerseits haben sie eine klare Meinung zu einer Sache, andererseits wird von ihnen ein angepasstes, nettes Verhalten erwartet – und sie wollen niemanden enttäuschen oder verletzen. Denn Mädchen sollen ja doch trotz aller Emanzipation und Selbstverwirklichung nett sein – und dazu gehört, niemandem auf die Füße zu treten, immer freundlich zu sein, zu schweigen, auch wenn’s innerlich brodelt. Aber wohin mit ihren unterdrückten Gefühlen? Was machen mit der eigenen Meinung? Wohin mit der Aggression? Wie Klarheit erlangen ohne den Gegenüber zu verletzen? Bleiben hinterhältige Aktionen, fiese Lästereien, ein sich verbiegen und heimliches Stirnrunzeln, was dann als launisches Verhalten gedeutet wird, weil es eben weder ein klares Ja oder Nein gibt …

Ich finde, es ist höchste Zeit, mit dem Begriff „Zicke“ sensibel umzugehen und Mädchen beizubringen, dass es völlig in Ordnung ist, ihre Meinung laut und deutlich zu sagen! Auch auf die Gefahr hin, dass man dann nicht mehr überall beliebt ist und nett gefunden wird. Ich fürchte, das muss von uns allen noch eine Weile eingeübt werden, bevor wir den Eigensinn von Mädchen akzeptieren!

Zurück zur ChickLit, die Frauen wie Mädchen seitenweise verschlingen: Weil sie sich mit dieser Lektüre aufs angenehmste unterhalten fühlen (nichts dagegen) und sie sich mit vielen Alltagssituationen identifizieren können (das macht gute Bücher aus). Allerdings bringt ChickLit ihre Leserinnen nicht weiter, öffnet ihnen keine Perspektiven, sondern bestätigt sie in ihren Rollenklischees. Ob meine eigenen Texte zur typischen ChickLit gehören, glaube ich nicht, sicher bewegen sie sich am Rand und manche sind auch nicht gegen althergebrachte Rollenmuster gefeit. Eins weiß ich aber ganz genau: Es fällt mir unglaublich schwer, ein romantisches Happy End zu zaubern, weil ich nicht daran glaube, dass der Junge/Mann der Erlöser ist. Meistens gelingt mir die Kuss-Schluss-Seufz-Szene erst im dritten Anlauf und auf Anraten meiner Lektorin, die der Meinung ist, das wollen die Mädchen eben lesen …

q.e.d.